Ein Gruß aus dem All - Feuerkugel über Halle?

Am Nachmittag des 4. Juli 2006 wunderten sich viele Einwohner von Halle/Saale und des benachbarten Saalekreises über ein ungewöhnliches Phänomen. Ungefähr um 15.45 Uhr erschütterte eine deutliche Druckwelle die Häuser, rüttelte an Türen und Fenstern. Gleichzeitig hörte man etwas wie ein Grollen oder einen Knall. Ich selbst befand mich zu dieser Zeit im Norden von Halle (im Inneren eines Gebäudes) und habe den Knall als eher leise wahrgenommen. Für mein persönliches Empfinden entstand das Geräusch sogar überwiegend durch die scheppernden Teile des Hauses, wie Fenster, Türen und Dachziegel.


Menschen sahen sich verdutzt an und fragten sich: "Was war das denn? Vielleicht ein Überschallflugzeug? Eigentlich klingen Düsenjäger doch anders..."
Nachbarn glaubten sogar an ein gerade heraufziehendes Gewitter, als sie sahen, wie sich ihr frisch gewaschener schwerer Türvorhang plötzlich hob und von einem starken "Windstoß" beinahe um die Wäscheleine gewickelt wurde. Erst als sie die Wäsche in größter Hast nach drinnen geholt hatten, bemerkten sie den nach wie vor blauen, wolkenlosen Himmel.
Durch Telefonkontakte stellte sich schnell heraus, dass das eigenartige Phänomen auch in relativ weit voneinander entfernten Stadtteilen auftrat. Da man die Beobachtungen nicht eindeutig zuordnen konnte und sich in der Gegend von Halle unter anderem viel chemische Industrie und ein Untergrundgasspeicher befinden, herrschte bald eine gewisse Beunruhigung in der Bevölkerung.
Die örtlichen Zeitungen und Rundfunkstationen meldeten zahlreiche Anrufe besorgter Bürger. Meldungen über Explosionen oder Havarien lagen hingegen nicht vor.

Was war es?

Durch die Medien wurde dieser Frage gründlich nachgegangen (z.B. Mitteldeutsche Zeitung 5., 6., und 7. Juli). Mit dem Ergebnis, dass man ziemlich genau weiß, was es nicht war.

  1. Es hat definitiv keine Explosionen oder ähnliche Unglücksfälle gegeben, zumindest waren Polizei und Feuerwehr keine bekannt.
  2. Es haben im Gebiet auch keine Düsenjäger-Tiefflüge stattgefunden, wie die Flugsicherung mitteilte. (Diese Möglichkeit hätte auch bloß den Knall erklärt, nicht aber die windstoßartige Druckwelle. Oder der Düsenjet hätte sehr tief fliegen müssen.)
  3. Es hat sich auch definitiv kein erneuter Gebirgsschlag in der Grube Teutschenthal ereignet. (Damit wäre natürlich nur das Scheppern in den Häusern erklärt, nicht aber die Druckwelle.)

Andererseits wurde zur fraglichen Zeit tatsächlich eine kurzzeitige Luftdruckschwankung, eine Druckwelle, registriert.
Namhafte Meteorologen und Astronomen, unter ihnen Prof. Wolfhard Schlosser von der Universität Bochum, sprachen die Vermutung aus, dass es sich um eine so genannte Feuerkugel gehandelt haben könnte.
Zumindest würden dadurch alle Beobachtungen plausibel erklärt. Einen Beweis für diese Hypothese zu erbringen, dürfte leider fast aussichtslos sein.

Was ist eine Feuerkugel?

Kleine Meteore, die Sternschnuppen, hat wohl jeder schon in einer klaren Nacht beobachtet, sich an ihrem Anblick erfreut und sich vielleicht, nach altem Brauch, etwas dabei gewünscht.
Einen großen Meteor, der am Himmel eine so starke Leuchterscheinung verursacht, dass er heller erscheint als der Planet Venus, nennt man dagegen Feuerkugel. Ein solcher Bolide muss beim Eintritt in die Erdatmosphäre einen Durchmesser von mindestens 1 cm besitzen, um die erforderliche Leuchtkraft zu entfalten. Hier gilt der bekannte Spruch: Viel hilft viel. Je größer das Objekt ist, desto auffälliger die Leuchterscheinung und um so tiefer dringt es in die Erdatmosphäre ein. In den tiefen Luftschichten kann es, falls seine Geschwindigkeit dort dafür noch ausreicht, einen deutlich vernehmbaren Überschallknall verursachen.


Die Kräfte, die auf solch einen Brocken bei seinem Sturz Richtung Erde wirken, sind enorm. Größere Feuerkugeln von etlichen Kilogramm Masse können in tieferen Luftschichten dadurch regelrecht zerbersten.
Bevor die Boliden durch die Atmosphäre abgebremst werden, besitzen sie sehr hohe Geschwindigkeiten, 20 km/s sind völlig normal, viele sind auch wesentlich schneller. Die daraus resultierende Bewegungsenergie wird fast vollständig durch Luftreibung in Wärme umgewandelt.
Damit Sie ein Gefühl dafür bekommen, um welche Größenordnungen es sich dabei handelt, hier ein kleines Beispiel:


Stellen Sie sich vor, ein Eisen-Meteorit von der Größe eines Radieschens rast mit den besagten 20 km/s auf die Erde zu. Daraus berechnet sich eine Bewegungsenergie von um die 50000 kJ, rund 14 kWh. In Wärme umgewandelt, könnte man mit dieser Energie vier Wannen Badewasser (ungefähr 400 Liter) von kühlen 10°C auf heiße 40°C erwärmen.
Nicht schlecht, nicht wahr?


Die Trümmer einer zerborstenen Feuerkugel können den Erdboden erreichen. Solche Meteoriten liefern der Forschung wertvolle Erkenntnisse über die Zusammensetzung von Asteroiden und Kometen sowie über die Entstehung des Sonnensystems.
Dafür müssen sie aber nach dem Absturz möglichst schnell gefunden werden, denn auch ein Meteorit verwittert und verändert sich dadurch in seinen Bestandteilen, wenn er irdischen Bedingungen und besonders der normalen Bodenfeuchtigkeit ausgesetzt ist.


Deshalb wurde das Europäische Feuerkugel-Netzwerk geschaffen, mit dem systematisch nach niedergehenden Meteoriten gefahndet wird. Wie das geht und wie auch Sie dabei mithelfen können, erfahren Sie im nächsten Abschnitt.

Was ist das Europäische Feuerkugel-Netz?

Das Europäische Feuerkugel-Netz , welches auf deutschem Gebiet vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) betreut wird, ist ein Projekt mit vielen kleinen Stationen zur nächtlichen Himmelsbeobachtung. Deren Daten werden länderübergreifend ausgewertet und anhand der Messdaten mehrerer benachbarter Stationen kann die Flugbahn einer gesichteten Feuerkugel und bei sehr großen Meteoren auch der Fundort etwaiger Bruchstücke mit relativ guter Genauigkeit bestimmt werden.
Ein schönes Beispiel ist die besonders große, so genannte Neuschwanstein-Feuerkugel aus dem Jahre 2002, die deutschlandweit in den Nachrichten war. Damals konnten dank der recht guten theoretischen Fundortvorhersage und einer systematischen Suchaktion trotz des unwegsamen Geländes drei Bruchstücke geborgen werden.


Die Funktionsweise der Beobachtungsstationen ist so einfach wie wirkungsvoll: Eine Kamera fotografiert über Nacht den gesamten Himmel mit sehr langen Belichtungszeiten. Eine mit exakter Drehzahl rotierende Blende lässt nur periodisch Licht in die Kameraöffnung, wodurch es möglich ist, langsame und schnelle Objekte zu unterscheiden. Die Sterne erscheinen dabei als kreisförmige, durchgezogene Linien um den Himmelsnordpol. Die Spuren von Feuerkugeln zeigen sich auf dem Film dagegen als mehr oder weniger eng punktiert und lassen Aussagen zu Flugrichtung, Helligkeit und Geschwindigkeit zu.
Dabei ist es für die Genauigkeit wichtig, dass sich die Beobachtungsgebiete der einzelnen Stationen überlappen und ein und dieselbe Feuerkugel von möglichst mehreren Stationen beobachtet wird.

Leider klafft im Europäischen Feuerkugel-Netzwerk über ostdeutschem Gebiet ein ziemlich großes Loch (siehe Karte):

http://www.dlr.de/pf/DesktopDefault.aspx/tabid-623/1043_read-1425/gallery-1/gallery_read-Image.6.649/

Dabei braucht es eigentlich nur einen geeigneten Standort mit möglichst wenig Störbeleuchtung aus der Umgebung sowie mit freiem Blick auf den Himmel und natürlich gewissenhafte ehrenamtliche Helfer.
Wenn Sie sich fragen, ob Sie vielleicht selbst so eine Station betreuen könnten, erhalten Sie unter diesem Link die notwendigen Informationen:

http://www.dlr.de/pf/desktopdefault.aspx/tabid-623/1043_read-1754/

Was soll man als Normalbürger tun, wenn man eine Feuerkugel beobachtet?

Ganz einfache Antwort: Es dem Feuerkugel-Netzwerk mitteilen! Und zwar möglichst bald nach der Beobachtung. Sagen sie, wo und wann genau Sie die Feuerkugel gesichtet haben, in welche Richtung sie sich bewegte, wie hell sie war, welche Farbe sie hatte und ob und von welchen Geräuschen die Leuchterscheinung begleitet wurde.
Dann wird in den Feuerkugel-Stationen in der Nähe der Film vorzeitig aus der Kamera genommen und entwickelt, was sonst nur monatlich passiert. So besteht die Chance, einen etwaigen Meteoriten schnell zu bergen.
Unter diesem Link finden Sie genaue Hinweise und eine Kontaktadresse:

http://www.dlr.de/pf/Desktopdefault.aspx/tabid-724/1201_read-2194

Oder rufen Sie einfach bei Ihrem örtlichen Planetarium an.
Bedenken Sie aber, dass Feuerkugeln ein äußerst seltenes Ereignis sind und nicht jede helle Sternschnuppe eine Feuerkugel ist. Am besten immer nach der Devise: Wenn Sie sich erst fragen müssen, ob es eine war, dann war es wohl keine!


Über Deutschland werden pro Jahr durchschnittlich 30 Feuerkugeln registriert.


Leider ging die Feuerkugel von Halle, wenn es denn eine war, nicht nachts, sondern am helllichten Nachmittag nieder, weshalb sie wahrscheinlich niemand gesehen hat. So ein Pech aber auch...
Trösten wir uns also mit Sternschnuppen. Wann und wo man welche beobachten kann und was da so schön leuchtet, erfahren Sie im nächsten Beitrag.
Bis dann.

©   2005 - 2010   Kerstin Gutewort